Der wilde Prater –
über und unter Wasser
Der Wiener Prater wurde über die Jahrhunderte hinweg in eine faszinierende Kulturlandschaft umgewandelt. Inmitten der Alleen, Wälder und Wiesen – und direkt neben den erholungssuchenden Menschenmassen – ist aber auch noch echte Wildnis versteckt.

„Wenige Hauptstädte in der Welt dürften so ein Ding aufzuweisen haben wie wir unseren Prater. Ist es ein Park? Nein. Ist es eine Wiese? Nein. Ist es ein Garten? Nein. Ein Wald? Nein. Eine Lustanstalt? Nein. – Was denn? All dies zusammengenommen.“
Das schrieb Adalbert Stifter vor gut 150 Jahren über das „Ding“, das damals eine gesellschaftliche Hochblüte erlebte: das zwischen Donaukanal und Donau liegende Areal, das seit dem 12. Jahrhundert Prater (oder ähnlich, wie z. B. Pratter) genannt wurde.
„Prado“ ist spanisch und bedeutet „Wiese“. Um eine Wiese hat es sich beim Prater freilich niemals gehandelt – der Name kommt vom Adeligen Conrad de Prato, der von den Babenbergern ein Stück Land in den Donauauen geschenkt bekam. Das Areal war damals folglich Auwald. Kaiser Maximilian II. wollte das Gebiet unmittelbar vor den Mauern seiner Residenzstadt als exklusives Jagdrevier nutzen und ließ es einzäunen. Man blieb bei der Jagd auf Schnepfen, Dachse, Braunbären oder Hirsche unter seinesgleichen. Erst Kaiser Joseph II. ließ das Gehege am 7. April 1766 – also vor genau 250 Jahren – für die Allgemeinheit öffnen: Vorerst wurde das Eingangstor nur untertags geöffnet, 1774 wurden alle Gitter entfernt.

Auwälder sind geschrumpft

Schon damals waren die ursprünglichen Auwälder geschrumpft. Manche Areale waren gerodet worden – darauf geht z. B. die 11,2 Hektar große Jesuitenwiese (einst im Besitz dieses Ordens) zurück. Durch die künstliche Bepflanzung der heute 4,4 Kilometer langen Praterhauptallee (vom Augarten über den Praterstern bis zum Jägerhaus, dem jetzigen barocken „Lusthaus“), gelangten ab 1538 fremde Baumarten wie Rosskastanien, Robinien oder Götterbäume in das Gebiet.
Nach der Öffnung des Praters legte das Veränderungstempo noch einen Zahn zu:
Da die Wiener den nahen Grünraum schnell schätzen und lieben lernten, entstanden die ersten Lokale und Belustigungseinrichtungen – das war der Beginn des Wurstelpraters. Wenig später wurden im heutigen Stuwerviertel Wohnhäuser gebaut, ebenso im Pratercottage. Für die Weltausstellung 1873 wurden riesige Gebäude errichtet (u. a. die Rotunde), durch die große Donauregulierung in den 1870er-Jahren wurden Altarme wie z. B. das Heustadlwasser brutal vom Strom abgeschnitten. Später entstanden das Praterstadion, das Stadionbad, das Messegelände, die Pferderennbahnen Krieau und Freudenau, der Winterhafen, das Planetarium, ein Golfplatz, ein Forschungsreaktor usw. Sogar zwei Hügel wurden künstlich aufgeschüttet: der Kon­stantinhügel aus dem Aushubmaterial der Rotunde, und der Rodelhügel auf der Jesuitenwiese aus Trümmerschutt nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1867 führt eine Eisenbahnbrücke über den Prater, in den 1960er-Jahren wurde über den Baumkronen eine Hochstraße gebaut (heute Teil der Südosttangente).

Buntes Mosaik aus Lebensräumen

Von den einstigen Auwäldern (die übrigens niemals forstlich bewirtschaftet wurden) ist wenig übrig: Der Prater ist heute ein 600 Hektar großes buntes Mosaik aus unterschiedlichsten Flächen und Nutzungen. Womit wir wieder bei der anfangs zitierten Beschreibung von Adalbert Stifter wären – die für unsere Zeit noch mehr gilt als damals.
Auch wenn der ursprüngliche Grünraum im Prater also über die Jahrhunderte deutlich geschrumpft ist: Es gibt trotzdem noch Abschnitte, die einer Wildnis gleichen: Vor allem in der Gegend um das Lusthaus- und das Mauthnerwasser dürfen abgestorbene Bäume einfach liegen bleiben, sie werden zu Lebensräumen für unzählige Pflanzen-, Pilz-, Insekten- oder Reptilienarten. Biber haben sich wieder angesiedelt, ebenso selten zu sehende Spechte und Amphibien. Damit dies so bleibt, wurden 513 Hektar im Prater 1978 als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.
Das üppige Leben mitten in der Großstadt zu zeigen, ist das Ziel von „Wiener Wildnis“, einer Gruppe von Naturfotografen um Georg Popp, Verena Popp-Hackner, Christine Sonvilla und Marc Graf (http://wienerwildnis.at). „Wir wollen die Kombination von Wildnis und urbanen Elementen zeigen“, formuliert es etwa Thomas Haider, von dem die fantastischen Unterwasseraufnahmen auf diesen Seiten stammen.

Abgeschnitten vom Donaustrom

Ursprüngliche und urwüchsige Natur im strengen Sinne ist die „Prater-Wildnis“ freilich nicht: Durch die Donauregulierung wurden nicht nur die alten Donauarme abgeschnitten, sondern auch der Grundwasserkörper isoliert. Die Folgen: Zum einen sank der Grundwasserspiegel, daher trocknete die Au sukzessive aus – die heutigen Pappelbestände der „harten Au“ sind daher nicht mehr allzu dynamisch. Zum anderen – und das ist noch dramatischer – fehlen die regelmäßigen Überschwemmungen, die eine Au am Leben erhalten. Durch ein System von Entnahme- und Schluckbrunnen, das in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurde, und durch die regelmäßige Zuführung von Uferfiltrat der Donau versucht man, diese Defizite zumindest etwas auszugleichen. Eine annähernd natürliche Auendynamik ist damit nicht wiederherstellbar. Aber Lebensraum für unzählige Arten kann damit auf jeden Fall geschaffen und gesichert werden – damit der Prater das bleibt, was er immer war: ein spannender Grünraum, ein vitaler Lebensraum, ein erholsames „Ding“ mitten in der Hauptstadt.

Wiener Prater_UNIVERSUM Magazin_0916n.pdf
Dateigröße: 695,6 KB
Anlässlich der Neuproduktion des ORF-UNIVERSUM-Filmes "G‘schichten aus dem Wiener Prater": hier zum Nachlesen und -schauen – mit all den wunderbaren Fotos, die die "Wr. Wildnis" für das UNIVERSUM Magazin in dem Naturparadiese mitten in der Großstadt "geschossen" hat.


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