Hör mal!
Wie wichtig das Gehör ist, erkennt man meist erst, wenn
es nicht mehr funktioniert. Die schlimmsten Feinde des
akustischen Wahrnehmungsorgans: der Lärm und der Stress des Alltags.

Mit dem November beginnt bekanntermaßen die stille Zeit des Jahres. Unsere Ohren merken davon meist herzlich wenig. Denn die Welt rund um unser akustisches Wahrnehmungsorgan ist so laut wie eh und je. Statt das feine Rauschen der letzten Blätter oder das Knistern des ersten Schnees wahrzunehmen, werden wir vom ohrenbetäubenden Lärm des Alltags tangiert: Verkehr, Bürotumult, Stimmengewirr in der U-Bahn, Fernseher und Radio gleichzeitig, Kindergeschrei und selbst in der Nacht das Ticken des Weckers, das Schnarchen des Partners. Das ist auch das größte Handicap des Gehörs: Das Ohr ist prinzipiell immer offen und der Umwelt damit schutzlos ausgesetzt. Das Dilemma: Der Mensch ist sich dessen so lange nicht bewusst, bis das Gehör Probleme bereitet. Wer schon einmal Wasser in den Ohren gehabt hat, kennt das unangenehme Gefühl, die Umwelt nur wie durch dicke Watte wahrzunehmen. Der Druck auf das Trommelfell im Flugzeug beim Abheben kann schmerzhaft sein. Und das Pfeifen im Ohr nach einer langen Nacht in der Disco mag den letzten Nerv und den Schlaf rauben.
„Lärm ist neben Stress heutzutage der größte Feind unseres Gehörs“, erläutert Werner Deutsch, Direktor des Instituts für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien. Der Psychologe und Psychoakustiker beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit den Mechanismen akustischer Wahrnehmung sowie Auswirkungen von akustischen Reizen auf das Gehör. Heutzutage stelle die Umwelt ganz andere Anforderungen an das Gehör als noch vor hundert Jahren, so der Experte. Mit den neuen akustischen Reizen der modernen Gesellschaft sind auch Vielfalt und Zahl der Erkrankungen des Gehörs gestiegen. Hörschäden und -störungen wie Schwerhörigkeit, Geräuschüberempfindlichkeit oder Tinnitus – chronische Geräusche im Ohr – gehören längst zu den Volkskrankheiten des 21. Jahrhunderts. Tendenz dramatisch steigend. …

Von Eva-Maria Gruber





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