Ein letzter Blick nach rechts, dann steigt sie in die U-Bahnlinie U6 ein, Station Michelbeuern, Allgemeines Krankenhaus. Es ist kurz nach zehn Uhr vormittags und der Zug ist halb leer. Ein paar Schüler, die heute die Schule schwänzen und mit den dröhnenden Klängen aus ihren Musikhandys mitwippen. Ein älterer Herr, der in die Lektüre seiner Zeitung vertieft ist. Zwei junge Mütter, die ihre Kinder spazieren führen. Die Frau stellt sich zu den Türen des Zuges. Sie weiß nicht wie viele Stationen sie fahren wird. Sie weiß nur, dass sie ihre Angst suchen soll. Sie fürchtet, dass die Angst sie finden wird. Denn auf ihre Angst ist Verlass. Auch heute. Auch jetzt. Sie legt sich ihr in den Magen, dehnt sich nach oben, drückt auf die Brust, würgt die Speiseröhre. Presst sich als kalter Schweiß durch die Poren, pocht in ihrem Hals, lärmt hinein bis in den tauben Schädel. Stellt einfach die Luft ab und befiehlt, alle Kraft aus dem Körper entweichen zu lassen. Die Angst höhnt: Du bist schwach. Du bist krank. Du gehörst mir. Los, lauf weg, wie immer. Sie werde ersticken, flüstert die Frau. Habe Todesangst, müsse sofort raus hier. Ihr Begleiter steht dicht hinter ihr. „Lassen Sie Ihre Angst zu!“, sagt er. „Laufen Sie nicht vor ihr davon. Bekämpfen Sie sie nicht. Versuchen Sie, Ihre Angst zu akzeptieren. Sie werden nicht daran sterben“ …
Von Miriam Damev