Der König des Dschungels streift durch sein Reich. Goldgelbes, glänzendes Fell, durchschnitten von schlanken, schwarzen Streifen. In seinen samtenen Pfoten stecken Krallen, die so lang und kräftig sind, dass kleinere Tiere problemlos damit aufgeschlitzt werden können. Sein „Reich“ ist groß, es umfasst mehr als 200 Quadratmeter. Es ist Brunftzeit. Der König sucht nach seiner Königin. An der Grenze zum Revier des nächsten Weibchens angelangt, bleibt der Tiger jedoch stehen und beobachtet ein seltsames Spektakel: Bagger, LKW, Mischmaschinen, Menschen – quer durch den Wald erfolgt der Neubau eines großen Highways. Dieser soll die neuen Plantagen mit den Fabriken und Städten verbinden. Unsicher zieht sich der Tiger zurück in sein Gebiet. Irgendwo am anderen Ende seines Reviers wird sich noch ein anderes Weibchen finden. Oder ein weiterer Highway. Immer kleiner werden die Lebensräume der Tiger. Und immer weiter voneinander entfernt. Das ist eine der beiden Hauptursachen, warum die Tigerbestände in den letzten Jahren so stark zurückgehen. Vom historischen Verbreitungsgebiet der Tiger, das sich über China, Indien, die Mekong-Länder und sogar Zentralasien erstreckte, sind nur noch sieben Prozent übrig geblieben. „Die Reviere sind oft wie kleine Inseln: weit auseinander und ohne Verbindung. Selbst wenn sich die Tiger vermehren wollen, sie finden einfach nicht zueinander“, erklärt Jutta Jahrl vom WWF. Das andere große Problem: die Großwildjagd. Tiger sind aufgrund ihres Felles, ihres Fleisches und nicht zuletzt wegen ihrer mächtigen Wirkung in der Traditionellen Chinesischen Medizin als Heilmittel eine extrem gefragte Beute …
Von Günter Stummvoll