Ich bin viele
Wieviele Universen gibt es? Hat jeder von uns zahllose Doppelgänger in fernen Parallelwelten? Das klingt verrückt. Und doch wird die Theorie des Multiversums von namhaften Physikern diskutiert.

Wann weiß man, dass eine wissenschaftliche Theorie Teil des allgemeinen Weltbildes geworden ist? Wann spätestens hat sie den Elfenbeinturm verlassen und ist ins kollektive Gedächtnis übergegangen? Sie taucht in Quizshows und bei Schulprüfungen als Frage auf, ihre Formeln finden sich gedruckt auf T-Shirts, es gibt Witze darüber, Filme und Romane greifen sie als Thema auf, sie gilt als zum Kanon der Allgemeinbildung gehörig und löst verständiges Nicken aus, wann immer das Gespräch auf sie kommt. Nicht, dass der Einzelne im Detail wüsste, worum genau es geht – und doch hat er eine vage Ahnung, wenn Stichworte wie „Urknall“, „Relativitätstheorie“ oder „Quantenmechanik“ fallen. Eine Idee, die diesen Status bald erreicht haben könnte, würde als Quizfrage vielleicht so klingen: „Wann hat die Vorstellung vom Multiversum das Universum abgelöst?“ Aufs Jahr genau ist das zwar nicht festzumachen, aber so um die Wende vom 20. ins 21. Jahrhundert, gerade jetzt, findet in der Physik, Unterabteilung Kosmologie, ein dramatischer Umdenkprozess statt. Es gibt dazu sowohl Entwicklungslinien und Vordenker, fragmentarische Ansätze und Vorschläge, als auch Vorahnungen in Philosophie und Literatur, in Erzählungen von Jorge Luis Borges oder in Science Fiction-Romanen von Michael Moorcock. Innerhalb der Physik selbst galt die Idee, um die es geht, lange Zeit als reines Hirngespinst, als belächelte Außenseiterposition am Rand des Wissenschaftsbetriebs …

Von Julia Kospach


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